online am 16. November 2020

Normalzeit

Es war einmal eine Zeit, die alle als Normalzeit bezeichneten. Gemeint ist die Zeit, bevor das Coronavirus über uns kam.
Es wurde gefeiert, getanzt, gelacht. Kinder tummelten sich auf Sport- und Spielplätzen. Während den Pausen hörte man ihr Lärmen auf dem Schulhof. Erwachsene verbrachten Wochenenden in Diskotheken, auf Schützenfesten, bei Sportevents, überall da, wo es was zu feiern gab. Die freie Zeit war gefüllt mit Vergnüglichem.

Corona, Corona, du hast unsere Normalzeit zerstört!

Es wird besser. Das Coronavirus ist unter Kontrolle. Die Normalzeit ist nicht mehr fern.
Halt, Stopp! Corona, Corona, du bist zurück und die Normalzeit ist wieder weit weg.

Was ist eigentlich normal? Wenn wir Zeit so akzeptieren, wie sie ist, ist die Corona Zeit eine Normalzeit.
Unser Leben hat sich verändert. Maske tragen ist nicht schlimm. Wir haben uns daran gewöhnt. Abstand halten ist üblich. Wir vergessen es nur noch selten.
Jede Zeit, ist immer eine Zeit, in der wir leben. Heute leben wir in der Corona Zeit.

Maria Eifrig, Oktober 2020

 

 

online am 03. November 2020

Wie ich schließlich Stefan Mross entkam

Nicht, dass mich dieser Volksmusiker verfolgte und ich vor ihm fliehen musste, nein die Geschichte verhielt sich völlig anders:

Ende August ließ ich mich in eine neurologische Spezialklinik einweisen, weil diese Klinik einen guten Ruf hat und ich mir davon versprach, dass das Fortschreiten meiner Erkrankung durch entsprechende Therapien gebremst werden könnte, Symptome und einschränkende Begleiterscheinungen gelindert würden. Da es sich um eine Klinik und nicht um eine Reha handelte, wurde ich schon vorher darauf hingewiesen, dass man im Normalfall als Kassenpatient nicht mit einem Einzelzimmer rechnen könne, sondern dies auf Wunsch gegen einen täglichen Aufpreis von 70,- Euro selbst finanzieren müsse. Dieser Betrag erschien mir angesichts meines 18tägigen bewilligten Aufenthaltes dann doch zu hoch. Ich entschied mich daher für ein Zweibettzimmer in der Hoffnung und dem naiven Glauben, eine Zimmergenossin zu bekommen, mit der ich mich super verstehen würde.
Sie, ich nenne sie hier Käthe, wurde am selben Tag aufgenommen wie ich und sollte auch fast 3 Wochen bleiben.
Da ich schon etwas eher ankam, konnte ich mir wenigstens ein Bett aussuchen. Ich entschied mich für die Schlafstätte an der Wand.
Käthe und ich verstanden uns am ersten Tag recht gut. Ich weiß noch, dass ich meinem Mann per Smartphone mitteilte, ich hätte eine ganz nette Zimmernachbarin und er sich darüber freute. Käthe erwähnte zwar noch, dass sie gerne Schlagermusik höre und das Radio bei ihr zu Hause den ganzen Tag lief, aber das nahm ich nur am Rande zur Kenntnis, da mein Hauptproblem war, sie könne nachts schnarchen.
Um es vorweg zu nehmen: Das tat sie glücklicherweise nicht, dafür stand sie aber bereits als erste um 5 Uhr morgens auf, da sie aufgrund ihrer neurologischen Einschränkungen länger fürs Duschen brauchte und das von zu Hause auch gewohnt war. Ich versuchte bis 6:15 Uhr wenigstens zur Wand gedreht etwas zu dösen. Dann kam auch meist schon das Pflegepersonal um bei jedem Blutdruck und Fieber zu messen. Danach saßen wir angezogen auf unseren Betten und warteten auf das Frühstück, das spätestens gegen 7:30 Uhr gebracht wurde, da wir aufgrund von Corona nicht im Speisesaal essen durften.
Dummerweise hatten wir auf dem Zimmer nur einen größeren Fernseher ohne Kopfhörer, über den man auch Radio empfangen konnte.
Am nächsten Tag ging es dann frühmorgens los. Noch vor dem Frühstück schaltete Käthe den Fernseher ein und hatte flugs mit magentafarbenem Bildschirmhintergrund ihren Lieblingssender gefunden, auf dem ununterbrochen deutsche Schlagermusik gespielt wurde. Es wurde zwar nicht auf laut gestellt, aber die Schlager begleiteten uns zumindest bis das Frühstück vorbei war. Hatte Käthe erst ab 10:00 Uhr ihre ersten Therapien, schaute sie ab 9:15 Uhr “Volle Kanne“ und abends täglich “Gute Zeiten, schlechte Zeiten“.
Dazwischen gab es dann, wenn sie gerade auf dem Zimmer war: Schlager, Schlager, Schlager, …
Ich halte mich eigentlich für recht verträglich und umgänglich, bin ein friedliebender und harmoniebedürftiger Mensch, doch allmählich zerrte dieser Zustand an meinen ohnehin geschädigten Nerven. Tag für Tag spürte ich eine innere Anspannung, begleitet von einem sich erhöhenden Puls. Im Anfang versuchte ich noch mit ihr zu reden, ihr Kompromisse vorzuschlagen, aber ihre Antwort war ein gleichmütiges „ja, ja, ja,“.

Besser ging es mir nur, wenn eine von uns beiden gerade eine Therapie hatte. War ich allein auf dem Zimmer, schaltete ich meist den Fernseher aus, drehte mich zur Wand und versuchte noch etwas zu dösen. Sobald sie sich näherte und das Zimmer betrat, erhöhte sich gleich wieder meine Anspannung und mein Puls.

Am dritten Tag bat ich sie, doch erst zum Frühstück den Fernseher einzuschalten, um leise ihre Hintergrundmusik abzuspielen. Sie willigte ein, so dachte ich jedenfalls, und als ich diesmal schon um 6 Uhr das Bad verließ, sah ich nur den magentafarbenen Bildschirm und hörte wieder Schlagermusik, die im Hintergrund lief. Das war Zuviel. Ich rastete aus und schrie sie an, ob sie ihre „Scheißmusik“ mal ausstellen könnte.
„Das muss ich dann ja wohl, wenn du das nicht vertragen kannst,“ meinte sie gelassen und schaltete vorläufig ab. Zu ihrer Mutter am Telefon meinte sie später leise, die Frau im Zimmer sei wohl sehr ruhe bedürftig.
Jedenfalls ging Käthe von da an häufiger in den Aufenthaltsraum, weil sie dort an dem Fernseher auch ihre Lieblingssender hören und sehen konnte. Das war aber nur möglich, solange sie dort ganz allein war.

Am folgenden Samstagabend lief eine Schlagershow mit Andy Borg. Da ich mir das nicht antun und lieber einen Krimi sehen wollte, bat ich sie wieder in den Aufenthaltsraum zu gehen. Ich freute mich schon auf einen gemütlichen Fernsehabend mit Kommissarin Lucka, da kam sie schon wieder. Der andere Fernseher konnte leider nicht den Sender mit Andy Borg empfangen. Bevor ich mir ihre Sendung bei uns im Zimmer hätte anschauen müssen, schaltete ich den Fernseher rigoros ganz aus. Ich sah darin den Kompromiss, dass jeder auf seine Sendung verzichtet. Käthe sah das wohl nicht so und schmollte den ganzen Abend.
Am Sonntag lief natürlich Stefan Mross. Um dem zu entkommen, schickte ich sie wieder in den Aufenthaltsraum. Das klappte glücklicherweise.

Am Spätnachmittag kam der Chefarzt persönlich zu mir. Bei dem täglichen Blutdruckmessen war natürlich nicht verborgen geblieben, dass mein Puls bis auf 111 angestiegen war. Er fragte nach der möglichen Ursache und ich erklärte ihm in Käthes Gegenwart, dass die derzeitige Situation im Hinblick auf noch weitere gemeinsame Tage für mich nicht zumutbar wäre, da ich mich ja erholen wolle. Meinen Wunsch nach einer Zimmerverlegung wies er ab mit der Begründung, jetzt in Corona Zeiten sei die Zimmerbelegung schon festgelegt.
Am Montag sah ich Käthe bereits morgens im Verwaltungsbüro sitzen. Als ich dazukam und eine gemeinsame Aussprache einforderte, verzog sie sich schnell. Die Verwaltungskraft versicherte mir aber, dass Käthe noch am selben Tag in ein anderes Zimmer verlegt würde.
Meine Laune stieg zusehends und fröhlich ging ich zu meiner Therapie auf dem Laufband. Als der Therapeut mich fragte, wie ich mich fühle, womit er vermutlich die eingestellte Geschwindigkeit des Laufbandes meinte, rutschte mir spontan heraus: „Super, meine Zimmerkollegin zieht heute aus“
So geschah es dann auch. Noch am selben Abend hatte ich das Zimmer abends für mich. Leider nur eine Nacht, denn am nächsten Nachmittag kam meine neue Mitbewohnerin. Sie war auch nicht „das Gelbe vom Ei“, aber das ist eine andere Geschichte.

Christa Borowski-Schmitt, Oktober 2020

 

online am 03. September 2020

„Heim kehren“

Sie ist auf der Flucht, bleibt nie lange an einem Ort. Hat keine Freunde, keine Verwandten, ist ganz allein.
Schon manchem Baum hat sie ihre Geschichte erzählt. Bäume sind verdammt gute Zuhörer – unterbrechen nicht, kritisieren nicht, hören zu, mehr nicht.

Sie ist zufrieden, hat einen gut bezahlten Job, arbeitet gern, oft 10 bis 12 Stunden am Tag. Sie ist bei ihren Kunden beliebt, viel unterwegs. Leider hat sie wenig Freizeit, aber das macht ihr nichts aus. Ihr Freund arbeitet genauso viel.
„Wir sind glücklich!“

Dann lernt sie es kennen, das Covid-19.
„Verdammt, verdammt – ich hasse dich.“
Erst stirbt ihr Freund, dann die Eltern.
„Covid-19, ich hasse dich.“
Alle drei haben Wochen lang mit dem Tod gekämpft. Er hat gewonnen. Was für ein Verlust.
Wegen der Coronaregeln für Krankenhäuser durfte sie ihre Liebsten nicht besuchen, sich nicht verabschieden, das schmerzt am meisten.

Seitdem ist sie auf der Flucht.
Ihr Kopf ist voll von unkontrollierten Gedanken. Sie kommt nicht zur Ruhe, kann ihre Augen nicht geschlossen halten und stellt sich immer wieder die Frage „Warum?“.

Nach einem Monat meldet sich das Bestattungsunternehmen. Sie haben einen Platz für ihre Liebsten gefunden, ein Lärchenbaum in einem Waldstück, ganz in ihrer Nähe.
Am Tag der Beerdigung kommt sie endlich zur Ruhe. Sie hat einen friedvollen Ort für ihre Liebsten gefunden.
„Hier komm ich gerne hin. Hier bin ich meinen Liebsten ganz nah. Es ist, als wenn ich heimkomme.“

Maria Eifrig, August 2020

 

online am 21. Juli 2020

Mein Garten, der Läusekampf

„Was für eine Katastrophe.“
Ich bin fassungslos.
„Was ist passiert?“

Der Römersalat, die Paprikapflanze, die Radieschen, ihre Blätter sind ruiniert. Täglich wird’s schlimmer. Dann sehe ich sie, kleine schwarze Punkte, Blattläuse! Sie haben meine Plantage überfallen. Sie sitzen auf allem, was grün ist. Ich bin den Tränen nahe und habe nur einen Wunsch „weg von hier“. Eine Runde mit meinem Rollstuhl, den Kopf frei bekommen, den Frust abbauen. Es fällt mir schwer. Ich verbrachte viel Zeit in meinem Garten, hatte eine Menge Arbeit und Spaß und jetzt das.

Erst abends im Bett werde ich ruhiger. Im Internet informiere ich mich, wie ich die unerwünschten Gäste loswerden kann. Ich entscheide mich für eine Wasser-Spülmittel-Lösung zum Töten der Schmarotzer und zum Abschrecken Lavendel, Bohnenkraut, Salbei und Rosmarin, verteilt zwischen den Pflanzen.

Der Kampf beginnt.

Was für ein Nervenkrieg. Ich sprühe und sprühe und sehe keinen Erfolg. Täglich verliert der Römersalat Blätter, ich muß ganze Pflanzen entsorgen, als nächstes sind die Radieschen betroffen,… Den Paprika will ich nicht aufgeben. Längst weiß ich, dass er nicht zu retten ist. Ich bin kurz davor zu resignieren, als mir Nachbarn und Freunde erzählen, dass sie das gleiche Problem haben: Läuse, Läuse, Läuse,…
Das Wissen, Leidensgenossen zu haben, gibt mir Kraft. Die 1-te Schlacht habe ich verloren, aber ich gebe nicht auf.

„Internet, du musst meinen Garten retten. Was kann ich tun? Bitte hilf mir.“
Herr Google kennt viele Hausmittel gegen Blattläuse. Brennnessel-, Knoblauch-, Zwiebelsud, Rapsöl, Kartoffelwasser und schwarzer Tee sind bewährte Läusekiller. Ich entscheide mich für den schwarzen Tee, entsorge alles, was nicht überlebensfähig aussieht, bis auf meine Paprikapflanze, die ich so liebe. Ich weiß, sie wird eingehen, aber der Grünabfallsack muss sich noch eine Weile gedulden. In die entstandenen Lücken säe ich Kopfsalat, Radieschen, Lauchzwiebeln und gelbe Buschbohnen.

Ich bin bereit, der Kampf geht weiter.
Die 2-te Schlacht beginnt.

Täglich, morgens und abends, gehe ich mit einer Sprühflasche bewaffnet auf Läusejagd. Oft muss ich Blätter oder ganze Pflanzen entsorgen. Immerhin meine Petersilie strotzt vor Gesundheit und an den Lavendelblüten bedienen sich die Hummeln.

Über 20 Jahre habe ich zu gesehen, wie sich mein Mann in unserem Garten abrackerte. Das ist eine lange Zeit, in der ich vieles vergessen habe. Die tägliche Gartenarbeit weckt Erinnerungen. Allmählich weiß ich wieder, was zu tun ist. Unkraut jäten, Erde auflockern, Pflanzen stützen, umtopfen, gießen, usw.

Plötzlich passiert was. Es vergehen ein Tag, zwei Tage, drei Tage, …, die Läuse sind weg! Die Pflanzen wachsen und wachsen und wachsen, sind gesund und sehen super aus. Danke Herr Google, dein Tipp „Schwarzer Tee macht Läuse platt!“ hat meinen Garten gerettet.

„Juhu! Es ist geschafft! Juhu! Ich freu mich so! Juhu!“
„Die 2-te Schlacht habe ich gewonnen! Juhuuuuu!“

Maria Eifrig, Juli 2020

 

online am 23. Juni 2020

Mein Garten, meine Wohlfühloase

Ein Gestell aus Tischböcken und Brettern, vollgestellt mit Blumenkästen, runde, längliche, große und kleine, das ist er, mein Garten. Seit Jahren habe ich ihn mir gewünscht. Jetzt ist er Wirklichkeit.
Früher hatte ich einen „richtigen“ Garten, eine Fläche von ca. 20 qm. Einen Garten, wo man sich bücken musste um in Erde zu wühlen. Ich liebte es, wenn die Hände in die Erde tauchten und die Finger die Erdklumpen zerdrückten. Es fällt mir schwer dieses Gefühl zu beschreiben. Erde schenkt uns Leben. Pflanzen durchbrechen zaghaft die Erdoberfläche, werden größer und kräftiger. Würmer graben sie um, sorgen für luftigen, lockeren Boden. Du bist Acker-, Mutterboden, enthältst organische Substanzen und bist als Erdreich unser Lebensraum, Erde ein Planet in unserem Sonnensystem.
Dann zog sie bei mir ein, erlaubte mir nicht meinen „richtigen“ Garten weiter zu bearbeiten. Ich musste zusehen, wie er immer mehr vergammelte. Schließlich wurde die Erde planiert und mit Platten belegt. Sie, die MS, hatte es geschafft mir ein Stück normalen Lebens zu stehen.
Jetzt gibt es einen neuen Garten, einen „MS Garten“. Er hat keine 20 qm, ist klein und fein. Ich kann ihn alleine bearbeiten und besuche ihn mehrmals am Tag. Die Pflanzen werden liebevoll betüddelt. Neben Kräutern und verschiedenen Salaten wächst Gemüse. Zwei Hängeampeln aus Zink, bepflanzt mit Hängeerdbeeren, laden zum Verweilen ein.
Um den Überblick nicht zu verlieren, habe ich ein Gartentagebuch angelegt. Es weiß, wann gesät wurde oder Neues gesät werden muss und dokumentiert je Blumenkasten die Entwicklung der Pflanzen.
Heute war ein heißer Sommertag. Stunden verbrachte ich mit jungen, saftig, grünen Pflanzen, Tablet und Kaffee mitten drin und ich schrieb und schrieb in meiner Wohlfühloase„.

Maria Eifrig, Juni 2020

 

online am 08. Juni 2020

Die heilige Zitronenrolle

Nie hätte ich gedacht, dass dieses Kuchenstück einmal zum Highlight des Tages mutieren könnte. Es ist sozusagen die Belohnung dafür, dass ich etwas Anstrengendes hinter mich gebracht habe. Aufgrund meiner körperlichen Einschränkungen ist für mich schon ein Spaziergang im Park, ein Zoobesuch oder längeres Laufen anstrengend. Dabei kann ich meinen Rollator jetzt in Corona Zeiten aufgrund der Abstandsregelung nicht unbedacht an Menschen vorbeischieben, sondern muss dabei immer im Blick haben, dass ich ihnen nicht zu nahe komme. Sowohl die körperliche wie auch die psychische Anstrengung kostet mich doppelte Kraft. Da kommt meine Zitronenrolle ins Spiel:

Wenn ich nach einem Ausflug zuhause wieder erschöpft in den Sessel oder auf einen Stuhl sinke, ist mein erster Griff zum Kuchenteller. Es mag albern erscheinen, aber vor meinem Weggang stelle ich zurzeit einen Teller mit einem abgeschnittenen Stück der tief gefrorenen Zitronenrolle zum Auftauen auf einen Tisch in Reichweite.

So geht das schon wochenlang und ich wurde daher schon häufiger gefragt, ob ich es nicht leid wäre, jeden Tag Zitronenrolle zu essen.
Eigentlich könnte ich schon fast einen Werbevertrag mit dem bekannten Kuchenhersteller schließen, dessen zitronige Tiefkühlrolle teilweise Bissen für Bissen, Tag für Tag genüsslich in meinem Mund verschwindet.
Nein, ich bin es noch nicht leid und freue mich immer wieder auf meine Zitronenrolle. Es ist für mich schon ein Ritual geworden.
Dabei fällt mir eine Therapeutin ein, die mir in einer anderen Krisenzeit riet, mir immer schöne Momente zu schaffen.

Wenn ich dann erschöpft zu Hause sitze und die cremige zitronige Masse im Mund zergehen lasse, dabei meinen Lieblingskaffee trinke und vielleicht noch etwas Schönes im Fernsehen schaue, fühle ich mich glücklich.

Leider vergesse ich auch manchmal, ein Kuchenstück zum Auftauen rechtzeitig herauszustellen, so dass ich beim Wiederkommen kurzfristig auf den Genuss verzichten muss. In dem Falle warte ich je nach Tageszeit 1-2 Stunden oder beschleunige das Auftauen, indem ich bei niedriger Temperatur den Backofen einsetze.

Neulich kam ich mit meinem Mann von einem für mich sehr anstrengenden Zoobesuch nach Hause und freute mich schon auf „meine Belohnung“.
Doch „oh Schreck“, der Teller mit der tief gefrorenen Zitronenrolle war verschwunden. Dabei hatten wir ihn zum Auftauen extra auf den Küchentisch gestellt, dessen waren wir uns sicher. In der Zwischenzeit war unsere Putzhilfe zwar da gewesen, war aber bisher nie an unsere Sachen gegangen. Ratlos blickten wir uns in der Küche um und fingen an den Kuchenteller zu suchen, da unsere Hilfe schon einiges unwissentlich um platziert hatte. Wir schauten in sämtlichen Schränken nach, im Kühlschrank und Backofen, sowie in den anderen Zimmern. Der Kuchenteller mit der Zitronenrolle blieb verschwunden.
Schließlich schaute mein Mann in die Spülmaschine. Dort standen einige leere Teller, die sich auch vorher dort befunden hatten. Vermutlich war noch einer dazu gekommen. Somit lag nahe, dass unsere gute Putzhilfe angenommen hatte, die Zitronenrolle sei für sie bestimmt, da wir ihr häufiger kleine Geschenke bzw. das Putz Geld auf den Küchentisch legen.
Vermutlich hat sie den Kuchen gegessen und ordentlich, wie sie ist, den leeren Teller in die Spülmaschine gestellt. Da die Zitronenrolle nie wieder aufgetaucht ist, sind wir sicher, dass es sich so verhalten hat. Sie deshalb extra anzurufen und nachzufragen, war mir dann doch zu blöd.

Wir hoffen, es hat ihr geschmeckt! Und es war ihre zusätzliche Belohnung fürs Säubern der Wohnung.

Für die Fertigstellung dieses Artikels werde ich mich jetzt belohnen,ratet mal womit…….????

Christa Borowski-Schmitt, Mai 2020

 

online am 12. Mai 2020

Zwei Kumpels auf Abstand

„Hallo Max, wie geht’s?“
„Werner, du weißt doch, mir geht’s immer gut.“
„Ich wollte mal hören, wie du mit dem Coronavius klarkommst. Außerdem vermisse ich unser Feierabend Bier.“
„Das einzige was stört, ist, dass ich den ganzen Tag mein hübsches Gesicht hinter einer Maske verstecken muss.“
„Das kann ich gut verstehen. Bei mir beschlägt lfd. die Brille und ich finde es fürchterlich warm hinter der Maske.“
„Sag mal Werner, was hältst du von einem Abstandsbier?“
„Lieber Freund, wenn Du mir verrätst, was das ist, bin ich gern dabei.“
„Das ist doch klar! Wir treffen uns, halten 1,5m Abstand und trinken ein Bier.“
„Das ist eine gute Idee. Wie üblich am Freitag, um die gewohnte Zeit?“
„Einverstanden, am Freitag. Was hältst du vom Covid-19 Park? Wir finden dort sicher eine Bank, mit der wir Abstand halten können.“
„Super Idee. Bis Freitag.“

Das Telefonat ist beendet. Max und Werner, die sich sonst einmal im Monat getroffen haben, freuen sich riesig. Das Treffen bedeutet ein Stück Normalität, wie im Leben vor der Pandemie.
Max besorgt Bier, holt Sitzkissen aus dem Keller, seine Freundin denkt ans leibliche Wohl, kauft Mettenden und Knabberzeug, der Freitag kann kommen.

Endlich Freitag! Endlich Feierabend!
Sie treffen sich im Covid-19 Park. Im Park ist nicht viel los. Die Sitzkissen kommen an die Enden einer Parkbank. Sie dienen als Powärmer. Bier und Essbares werden als Abstandshalter mitten auf der Bank abgestellt.
Sie haben sich viel zu erzählen. Es ist das erste Treffen seit über zwei Monaten, seit Beginn der Pandemie. An ihren Gesichtern kann man ablesen, wie gut ihnen das Treffen tut, ein wenig Balsam für die Seele und neue Energie für das tägliche Leben.

Max und Werner hat das Abstandsbier so gut geschmeckt, dass sie gleich einen Folgetermin vereinbaren.

Auch in den Coronazeiten kann man wohltuende Momente erleben. Positives Denken bringt uns auf Ideen, die zeigen, dass trotz Corona vieles möglich ist. Wir dürfen nicht zu kompliziert denken: „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah.“
Dieses Sprichwort passt. Es ist entstanden aus einem Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe:

Erinnerung
Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.

Warum in die Ferne schweifen, lieber dem Coronavirus trotzen, denn das Gute liegt so nah.

Maria Eifrig, Mai 2020

 

online am 04. Mai 2020

Corona mal positiv – der Geldautomat

Mein Vorrat an Bargeld geht langsam zur Neige. Also mache ich mich auf den Weg zu meiner Bankfiliale. Dort stehe ich vor verschlossenen Türen. Der Bankschalter ist nicht geöffnet, kein Mitarbeiter steht zur Verfügung. Ein Aushang verrät mir, „Kontakt erfolgt wegen des Coronavirus nur nach Terminvereinbarung.“ Wie komme ich an Bargeld?

Laut Internet gibt es in der Filiale einen behinderten gerechten Geldautomaten. Es kommt nur ein Automat in Frage. Ob ich mich traue ihn zu benutzen? Der Vorraum der Bank ist fast leer, also keine neugierigen Blicke, die mich nervös machen könnten.

Der Geldautomat verfügt über Beinfreiheit, heißt, ich kann unter ihn rollen. Da mir ein „Luxusrollstuhl“ mit Lift-, Liege- und Steh-Funktion zur Verfügung steht, komme ich nahe genug an den Schacht für die EC-Karte. Karte einführen, Betrag auswählen, Stückelung eingeben, das ist schwierig, erst mache ich es falsch, dann richtig. Gestresst von der ungewohnten Situation, bestätige ich die Eingaben ohne Geheimzahl. Zum Glück kann ich das wiederholen und die Karte wird nicht eingezogen. Ich nehme Karte und Geld aus dem Automaten, verstaue beides, setze den Mp3 Player auf und rolle ganz entspannt nach Hause.

Ich bin glücklich, nicht „positiv“ getestet, sondern wegen Corona „Positives“ erlebt zu haben. Hinzu kommt, dass ich bei jeder Nutzung des Geldautomaten 1,- € Bankgebühren spare.

Ich bin stolz auf mich, ich habe, allein, ohne fremde Hilfe, einen Geldautomaten bedient.

Covid-19, ich kann dich nicht leiden, trotzdem danke!

Maria Eifrig, April 2020

 

online am 03. April 2020

Aus dem Wege gehen

Hätte man mir vor ein paar Wochen prophezeit, ich würde mich freuen, wenn Leute, denen ich begegne, einen Bogen um mich machen oder ausweichen, hätte ich die- oder denjenigen für verrückt erklärt. Leider ist es jetzt bittere Wahrheit in der ersten Woche der angeordneten Kontaktbeschränkungen. Es gibt glücklicherweise keine Ausgangssperre. Wenn ich mit meinem Rollator nach draußen gehe, habe ich bitteschön darauf zu achten, dass ich, Menschen die mir entgegenkommen aus dem Weg gehe oder sie mir auszuweichen haben. Dabei sollte ein Mindestabstand von 1,5 bis 2 m gewahrt werden.  Zu Hause nachgemessen, habe ich festgestellt, dass dies ein relativ großer Abstand ist, der schlecht auf engen Bürgersteigen einzuhalten ist.  Da wir an einer Hauptstraße wohnen, könnte ich das nur gewährleisten, wenn mir eine Person oder zwei dicht nebeneinander herlaufende Menschen entgegenkommen, ansonsten müsste ich auf den Radweg ausweichen.  Manchmal lächelt man sich bei einer Begegnung verschämt an, so als wolle man sich entschuldigen, dass man einen Bogen um den anderen macht. Neulich im Park rief mir eine mir unbekannte Frau von weitem zu: “ Bleiben Sie gesund“!  Ich fand das sehr nett und entgegnete laut: “Sie auch!“
In übertragenem Sinn rücken Menschen schon näher zusammen und viele zeigen sich solidarisch.

Trotzdem ist alles surreal und skurril. Werte und Normen werden auf den Kopf gestellt. Eigentlich bedeutete für mich „Aus dem Wege gehen“, jemanden zu meiden, weil man aus irgendwelchen Gründen nichts mehr mit ihm/ihr zu tun haben will.
Auch die eigene Aufmerksamkeit hat sich verändert. Gestern sah ich auf meinem Weg zur Apotheke drei Menschen zusammenstehen, zwei Frauen und ein Mann.
Sie standen immer noch beieinander, als ich zurückkam. Dann umarmten sich die beiden Frauen, eine von ihnen stieg in das parkende Auto, während der Mann und die andere Frau weitergingen. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, diese drei Leute schon im Vorhinein zu verurteilen, obwohl ich gar nicht wusste, in welcher Beziehung sie zueinanderstanden.  Hätten sie sich nicht auch aus dem Wege gehen oder wenigstens 1,5 m Abstand halten müssen?
Da ich zur Risikogruppe gehöre, gehe ich viel weniger nach draußen, meide Besuche und kann meine Freundinnen auch nicht mehr in Cafés treffen. Seitdem schaue ich häufiger Fernsehen. Bei den Aufzeichnungen von Shows und aktuellen Filmen sehe ich Menschen, die sich umarmen oder dicht bei einander stehen bzw. sitzen. Ich werde dann ganz wehmütig und muss mir jedes Mal in Erinnerung rufen, dass jetzt alles ganz anders ist.
Trotzdem halte ich die derzeitigen Maßnahmen hier in Deutschland für sinnvoll und möchte andere und mich ermutigen:
Wahret den nötigen Abstand, so könnt ihr zu Helden werden und Leben retten!

Christa Borowski-Schmitt, März 2020

 

online am 16. März 2020

Zeit mit dem Coronavirus

Im Dezember 2019 wurden die ersten Coronafälle in der chinesischen Millionenstadt Wuhan auffällig. Bereits im Januar 2020 entwickelte sich die neuartige Atemwegserkrankung zur Epedemie in der Volksrepublik China und breitete sich weltweit aus. Auch unser Land ist betroffen. In den letzten beiden Wochen haben sich die Empfehlungen und Maßnahmen der zuständigen Behörden, der Landes- und Bundesregierung fast täglich verschärft.
Für mich erscheint diese weltweite Krise oft surreal. Ich warte manchmal darauf, dass mich jemand in den Arm kneift und ich aus einem bösen Traum erwache. Das ist nur ein Wunsch.
Heute, Freitag, den 13. März 2020, wurde beschlossen, dass ab Montag alle Kitas und Schulen geschlossen bleiben.
Großveranstaltungen finden schon seit einiger Zeit nicht mehr statt. Sportveranstaltungen werden vor leeren Rängen durchgeführt. Einige Sportarten haben ihre Saison beendet, andere sind verschoben, ohne Bekanntgabe von Nachholterminen.

Diese Informationen kennt ihr sicher, denn Radio und Fernsehen berichten non stop. Täglich schränken die Maßnahmen unseren persönlichen Lebensraum immer weiter ein. Manchmal lasse ich beides aus, denn die Berichte deprimieren mich.
Empfohlen wird zu Hause zu bleiben. Darin habe ich Übung, denn mein Rollstuhl ist seit 2 Wochen defekt. Wenn ich einige Meter fahre, bleibt er stehen. Ein-, ausschalten hilft. Weiter geht’s.
Seit 2 Wochen bin ich nicht mehr an der frischen Luft gewesen und kein Techniker in Sicht. Warum ich das erzähle? Ich habe positive Erfahrungen mit dem „Eingesperrt sein“ gemacht. Am Anfang dachte ich „Das überlebe ich nicht.“ Dann habe den Kroll auf mich und meine Umwelt verscheucht und in aller Ruhe überlegt, wie ich mit der nervenaufreibenden Situation umgehe. Das Ergebnis: Ein geregelter Tagesablauf und „Sachen erledigen“, die ich immer schon oder wieder machen wollte.
Viel Zeit verbringe ich an meinem PC. PC aufräumen, Daten sortieren, meine Homepage pflegen, meine geschriebenen Worte zusammenstellen, Musik und Fotos neu organisieren und…
Es ist lange her, dass ich in aller Ruhe Musik gehört, ein Buch gelesen oder ein Hörbuch gehört habe.
Die letzten 2 Wochen sind schnell vergangen. Ich freue mich, dass noch mehr Zeit bleibt für mein „Sachen erledigen“.
Es gibt Dinge wie „Kreuzworträtsel“, „Sudoko“, „Übungen für den Körper“, „Mensch ärgere Dich nicht“, „Mühle“, „Dame“, „Halma“, … Vieles, was durch die digitale Zeit vergessen wurde. Denkt zurück an eure Jugend oder fragt eure Eltern oder Großeltern.

Vielleicht fällt Euch was ein. In Italien singen die Menschen auf den Balkonen oder vor geöffneten Fenstern. Meldet Euch bitte und teilt mir Eure Ideen mit. Ich veröffentliche sie gern und die Leser*innen finden was zur Überbrückung des „eingesperrt Seins“.

Ideen an E-Mail: ms-ist-leben@efg-software.de

Maria Eifrig, März 2020

 

online am 13. Februar 2020

Die Carrera Bahn

„Ich fuhr fort, um zu beobachten.“ sagte der Mann, der viel unterwegs war. Er hatte angehalten um seinen Tank mit Benzin zu füllen und seinen eigenen Akku mit frischer Luft zu versorgen.
Wir verstanden nicht, was er uns sagen wollte. Wen, was, wie und wo wollte er hin um zu beobachten. Hier bei uns auf dem „platten Land“ gibt es nichts Besonderes. Vielleicht hat er sich verfahren. Wir gingen zu ihm und wollten ihn befragen. Da sahen wir, wie er seinen Sitz in einen Liegesitz verwandelte, sich hineinlegte und die Decke seines Autos anstarrte. Wir folgten seinem Blick, konnten jedoch nichts erkennen. Plötzlich fing er an zu erzählen:
„Etwas leuchtet in meinem Autodach. Ich weiß nicht, was es ist. Es strahlt wie ein Karfunkel. Je länger ich es betrachte, umso mehr kann ich erkennen. Ein kleiner Spalt grellen Lichtes lässt mich in ein Zimmer blicken. Kinder spielen mit einer Carrera Bahn. Manchmal stürzt ein Rennauto neben die Fahrstrecke, dann gibt es viel Lärm und …“

Er hört auf zu erzählen und sagt „ich muss weiter, jemand aus dem Zimmer hat mir einen Weg erklärt, wo es einen schöneren, größeren Karfunkel für meinen Autohimmel gibt und wenn ich mich beeile, schaffe ich es noch bis zum Einbruch der Dunkelheit. Danke für Benzin und Sauerstoff. Vielleicht sehen wir uns bald wieder.“

Er rast davon. Wir schauen uns fragend an: „Was war das? Ein Träumer, ein Verrückter?“ Wir wissen es nicht.

Maria Eifrig, Januar 2017