online am 25. Februar 2021

Trauerbegleitung

Das Telefon klingelt. Ich schrecke zusammen. Eine dumpfe Ahnung steigt in mir auf. Hat es mit Oma zu tun? Ich hebe ab. Mein Onkel ist am anderen Ende der Leitung. Er sagt nur kurz: „Die Oma ist gestorben“ und legt wieder auf.

Ich bin ganz allein; meine Eltern und mein kleiner Bruder sind gerade einkaufen gefahren. Ich fange an zu weinen. Oma war schon länger krank, aber dass sie so schnell stirbt, damit habe ich nicht gerechnet. Ich bin sehr froh, dass ich sie gestern am Sonntag noch besucht habe.  In mir herrscht totales Gefühlschaos. Ich möchte jetzt mit jemandem reden, jemanden haben, der mich in den Arm nimmt und tröstet.

Da fällt mir meine Freundin Roswitha ein. Wir sehen uns nicht täglich, weil sie auf eine andere Schule geht, treffen uns aber 1-2 mal die Woche, wenn ich sie besuche. Sie wohnt ca. 1 km von mir entfernt mit ihren Eltern in einem kleinen Reihenhaus. Dort ist mehr Platz und Ruhe als in unserer beengten kleinen Mietwohnung.

Eine Strecke zu Roswitha lege ich immer zu Fuß zurück, Busfahren ist mir zu teuer und zu umständlich. Der kürzeste Weg zu ihr führt durch die Steinkuhle. Mit Rossi kann ich über alles reden, sie kann mich bestimmt trösten.

Es ist Januar und draußen ziemlich kalt. Also schnappe ich mir meine hellblaue Winterjacke und verlasse tränenüberströmt die Wohnung. Kurz kommt mir in den Sinn, ob ich nicht unpassend gekleidet bin in Jeans und knallrotem Pulli. „Müsste ich nicht eigentlich etwas Dunkleres anziehen, jetzt wo Oma tot ist“? Die Tränen laufen mir weiterhin übers Gesicht, aber das ist mir egal. Sollen die Leute doch gucken. Ich überquere rasch die Hauptstraße an der Ampel.
An der kleinen Polizeistation gegenüber hängen noch die Fahndungsfotos einiger RAF-Mitglieder. Ich registriere es im Vorbeigehen und laufe die lange Straße entlang, die direkt zur Steinkuhle führt. Ich laufe und schluchze und laufe und schluchze. Ich will schnell bei Roswitha sein. Einige Menschen kommen mir mit ernsten Gesichtern entgegen. Sie waren wohl auf dem angrenzenden Friedhof. Hier wird Oma nicht begraben, sie wohnt in einem anderen Stadtteil. Ich haste an den Häuserreihen entlang und komme wieder zu einer großen Straße, hinter der die Steinkuhle liegt. Beim Überqueren muss ich aufpassen, denn durch den Tränenschleier kann ich nicht mehr viel sehen. Als gerade kein Auto kommt, laufe ich schnell los. Ich schaffe es bis zur Steinkuhle, doch jetzt kommt der anstrengendste und einsamste Teil des Weges. Etwas mulmig ist mir trotz meiner Trauer schon zumute. Nur wenige Menschen durchqueren diese karge Landschaft zu dieser Jahreszeit. Es ist zwar noch früher Nachmittag, aber etwas „Schiss“ bekomme ich jetzt doch. Bilder und Szenen von überfallenen jungen Mädchen aus der Sendung XY ungelöst tauchen vor meinem geistigen Auge auf und lenken mich kurz von meiner Trauer ab. Doch sofort denke ich wieder an Oma und fange an zu weinen. Zwischen einigen Sträuchern folge ich raschen Schrittes dem ausgetretenen Pfad.

Da…, plötzlich raschelt es. Ich schrecke auf und vergesse für einen Augenblick meinen Kummer. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Was war das? Irgendein Tier? Aufgeregt spähe ich zu den nahegelegenen kargen Büschen. Ich wische mir mit dem Jackenärmel übers Gesicht, kann aber nichts erkennen. Da noch einmal das Geräusch! Mein Herz fängt wieder wild an zu Pochen. Dann plötzlich ein leises Wispern. Ich vernehme ein zartes Stimmchen: „Hab keine Angst, ich begleite und beschütze dich“. Merkwürdigerweise beruhigt mich dieses Wispern.
Ich schaue mich um, kann aber außer Büschen und Baumstümpfen, auf denen noch Schneereste liegen, nichts erkennen. Mittlerweile habe ich schon die Hälfte der Steinkuhle durchquert.

Es geht jetzt bergauf und ich kann schon die Umrisse der dahinter liegenden Siedlung erkennen. Woher kam diese Stimme? Ich lausche angestrengt, kann aber außer meinen eigenen Schritten nichts mehr hören. Fantasie oder Realität? Vielleicht gibt es ja wirklich, irgendein Wesen, das mich begleitet und beschützt. Ich bin völlig verwirrt und will nur so schnell wie möglich aus dieser Steinkuhle heraus zu meiner Freundin. So haste ich weiter und erklimme schließlich die Anhöhe. Erleichtert erkenne ich jetzt auch das schmucke Reihenhaus von Roswithas Eltern. Jetzt sind es nur noch einige Meter.
Roswitha öffnet gleich auf mein Klingeln und ich falle ihr schluchzend, aber auch erleichtert um den Hals.
Bleibt noch nachzutragen, dass ich dieses zarte Stimmchen nie wieder gehört habe und ich fast ein schlechtes Gewissen hatte, dass ich trotz meiner Trauer noch einen vergnüglichen Nachmittag verbracht habe.

Christa Borowsky-Schmitt

Bild von Kranich17 auf Pixabay

 

 

online am 09. Februar 2021

Mein Rolli hat Corona?

Die Dächer sind weiß. Es hat geschneit. Endlich!
2010 hatten wir zum letzten Mal richtig viel  Schnee. Damals kam der Räumdienst nicht nach. Wir hatten so viel Schnee, dass die Hauptstraßen nicht geräumt wurden. Die Benutzung von Fuß- und Radwegen war gefährlich. Ich und mein Rollstuhl waren wochenlang im Haus eingesperrt. Anfangs freuten sich alle über den Schnee, dann verfluchten sie ihn. Jeden Tag Schnee fegen, morgens, mittags, abends. Laufend passierten Unfälle. Es gab so viele Knochenbrüche wie noch nie. Irgendwann hörte es auf zu schneien. Bis die weiße Pacht komplett verschwunden war, dauerte es lange. Alle waren froh, denn wochenlanges Schneechaos sind die Münsteraner*innen nicht gewöhnt.
Heute geht es schnell. Um 12:00 Uhr ist der Schnee vollständig weggetaut. Wenigstens haben die Kinder mit bekommen wie Schnee aussieht und wie er sich anfühlt.
Nachmittags haben wir 0°C. Die Sonne kommt raus und lockt einen nach draußen. Ich folge ihrem Ruf.
Es sind viele Spaziergänger unterwegs. Morgens trifft man fast nur Gassigänger und Jogger. Freundliche Leute – man grüßt sich, nickt sich zu – die Runden am frühen Morgen verbinden.
Nachmittags ist es anders. Mir kommen viele mit Maske entgegen, starren mich an, wollen schnell an mir vorbei. Haben sie Angst vor mir oder vor meinem Rollstuhl? Ich bin an der frischen Luft und habe keine Maske auf. Platz ist vorhanden um ausreichend Abstand zu halten. Was mache ich verkehrt?
Eine Hundehalterin klärt mich auf: „Gestern stand im Blitz-Kurier, dass Rollstühle Corona verbreiten. Sie bieten den Viren optimale Verstecke. An der frischen Luft verlassen sie diese und stürzen sich auf alles was dem Rollstuhl nahekommt. Ich halte das für Blödsinn, aber sie sehen wie die Menschen reagieren.
Der Ausflug hat mich so mitgenommen, dass ich am nächsten Tag einen Coronatest machen lasse.
Ich kann Euch beruhigen, der Test war negativ. Mein Rolli und ich, wir sind gesund.

Maria Eifrig, Januar 2020

 

online am 21. Januar 2021

Das Bett

Ein Bett dient dem Schlafen, Liegen, Ruhen oder Erholen. Es besteht in der Regel aus einem Rahmen oder Gestell, auf dem eine Matratze liegt. Das Bett ist unser liebstes Möbelstück. Nach einem langen Tag werden sieben Stunden Schlaf für die körperliche Regeneration empfohlen. Jeder Mensch braucht mehr oder weniger Schlaf. Erwachsene schlafen zwischen sieben und neun Stunden, Schulkinder zwischen neun und elf Stunden.

Das Krankenhausbett oder Klinikbett ist ein den Anforderungen der klinischen Gegebenheiten angepasstes und in seinen Funktionen erweitertes Krankenbett. Moderne Krankenhausbetten werden elektrisch bedient und verfügen über einen eingebauten Akku, damit die Verstellungsfunktionen auch bei Transporten zur Verfügung stehen. Krankenhausbetten werden in Krankenhäusern, Rehabilitationskliniken und Altenheimen verwendet. In der häuslichen Pflege dominiert das Pflegebett.

Besonders beliebt ist das Bett bei Verliebten. Abends gemeinsam zu Bett gehen, miteinander kuscheln, Zärtlichkeiten austauschen, miteinander schlafen, zusammen aufwachen und das Frühstück im Bett genießen.

Bei mir ist das anders. Mein Pflegedienst bringt mich abends nach der Tagesschau zu Bett. Ab Mitte Mai ist es draußen noch hell. Zum Glück habe ich Rollos in meinem Schlafzimmer und gaugle mir vor, dass es Nacht ist. Da ich so früh nicht schlafen kann, brauche ich eine Beschäftigung für die Zeit, die ich länger im Bett verbringe als Gesunde.

Ich habe meinen Tagesablauf analysiert, mich neu organisiert und einiges ins Bett verlegt. Mit gymnastischen Übungen tue ich was für meine Fitness. Die meiste Zeit verbringe ich mit meinem Tablet. Schreibe Gedichte und Kurzgeschichten, nutze das Internet, besuche Tutorials, bin beschäftigt und lerne viel.

Das Bett ist nicht mein liebstes Möbelstück. Besonders in den Sommer Monaten, wenn ich das Lachen der Nachbarn draußen höre, kommen mir oft die Tränen. Ich halte das aus, seid vielen Jahren, nicht immer. Die neue abendliche Organisation hilft, Beschäftigung hilft.

Zum Glück habe ich Gesellschaft im Bett. Seit 10 Jahren schläft sie fast jede Nacht bei mir. Abends, wenn der Pflegedienst weg ist, machen wir es uns gemütlich. Morgens, wenn der Pflegedienst kommt, flüchtet sie, meine Katze Kallisto.

Maria Eifrig, Juli 2019, Mai – November 2020