online am 11. Mai 2022

Einmal im Leben

Es war ein großer Fehler sich in die Gesellschaft eines „vom Winde verweht“ Balles hinein zu schleusen.

Es fing mit einer Theaterführung an. Wir besuchten das Backstage und die Bereiche, wo normale Theaterbesucher keinen Zutritt haben.
Wir standen auf der Bühne und versuchten uns als Schauspieler oder Sänger, entdeckten den Souffleurplatz, nahmen eine Garderobe unter die Lupe und bestaunten den Orchestergraben. Die Beleuchtungstechnik wurde uns erklärt. Voller Stolz wurden uns diverse Scheinwerfereinstellungen präsentiert und zum Schluss besuchten wir den Kostümraum – welch eine Pracht. Es funkelte und glitzerte, erschreckte und erstaunte uns.
„Oh, welch eine Pracht!“
Dann sah ich es, ein Ballkleid, wie es die junge, schöne Scarlett O‘Hara, Tochter eines reichen Plantagenbesitzers, im Film „Vom Winde verweht“ getragen hat.
Meine Augen leuchten bei dem Gedanken, einmal im Leben so ein Kleid zu tragen und darin über die Tanzfläche zu schweben.
Wie war das noch? Ein Wunsch geht in Erfüllung, wenn man die Augen schließt und sich nur auf diesen Wunsch konzentriert. Es gelingt. Ich öffne die Augen, trage das Ballkleid und schwebe mit meinem Partner über die Tanzfläche. Was für ein Traum!

Warum habe ich mir das gewünscht?
Es war grauenhaft. Das Kleid war schwer und umfangreich. Bei jedem Schritt bin ich irgendwo gegen gestoßen. Ich passte durch keine Tür.
Wie komme ich aus dem Kleid wieder raus?
Stecke ich den Rest meines Lebens hier fest?
Retter*in, bitte finde mich!

Maria Eifrig, März 2019

 


online am 05. März 2022

Meine Katzen

ER
Brav, immer lieb,
verfressen
hat immer Hunger
jagt Mäuse und frist sie
groß, riesig
Nachttier

SIE
Diva, die Schönste
Zicke
Jagt Mäuse und schenkt sie mir
Klein und zierlich
Tagtier

ER und SIE
Vor sieben Jahren sind sie bei uns eingezogen.
Er schwarz wie die Nacht. Sie schwarz mit weißen Flecken und weißen Pfoten.
Das Tierheim beschrieb ihn als einen immer nur lieben Kater,
sie, eine, die weiß, dass sie schön ist und manchmal zickisch.
Das stimmt!
Er wurde ein riesen Kater, sie blieb klein und zierlich, wie beim Kauf.
Er hat immer Hunger und haut richtig rein.
Sie futtert genüsslich in Ruhe, fängt Mäuse, präsentiert sie mir voller Stolz.
Er fängt Mäuse und frisst sie.
Er ein großer, kräftiger Kater, nicht dick aber riesig.
Sie klein und zierlich, eine Schönheit, sie weiß das, die Diva.
Er bleibt nächtelang weg, sie schläft lieber bei mir im Bett.
Sie ist mein Tier, er geht lieber zu meinem Mann.

Wir sind zwei Teams.
Sie und sie, Frau und Katze.
Er und er, Mann und Kater.

Maria Eifrig, November 2017

 


online am 27. Januar 2022

Nackt und allein

Ein Mensch, nackt, allein auf der Straße. Kein Licht in den Häusern. Er traute sich nicht
zu klingeln.
Er war nackt. Würde jemand öffnen? Einem Mann nackt, allein in den Straßen. Er
wusste nicht mehr, was er hier wollte, nackt und allein.
Er ging immer weiter und weiter. Die Straße wurde immer leerer, kein Haus weit und
breit. Plötzlich sah er ein kleines rotes Licht unter einem Baum. Er rannte los und erreichte
das rote Licht unter dem Baum. Eine alte Frau hütete das Licht.
„Gute Frau, könnt Ihr mir helfen?“
„Nackter Mann, wobei soll ich Dir helfen?“
„Ich bin auf der Suche nach der Wahrheit.“
„Welche Wahrheit meinst Du?“
„Ich weiß nicht, warum ich nackt und allein durch die Nacht laufe?“
„Aber das ist doch ganz einfach! Wach einfach auf!

Maria Eifrig, Mai 2018

 


online am 19. Januar 2022

Modegeschäft

Heute habe ich unserer Küchenhilfe Margarete frei gegeben, denn ich will etwas Schönes sehen. Ich bin froh unserer öden Bauernlandschaft entfliehen zu können und habe mich von unserem Kutscher Wilhelm in die Stadt fahren lassen. Jetzt bin ich unter den Bögen und stehe vor einem Schaufenster.
“Was für prachtvolle Kleider, Röcke und Hüte. Da!, dieser blaue Rock würde doch hervorragend zu meinem blauen Schirm passen. Ob Karl ihn mir wohl kauft? Das Geld dafür hätte er. Schließlich habe ich keinen armen Gutshofbesitzer geheiratet, für sein Gehöft und alles was damit zusammenhängt, gibt er viel aus. In Gedanken höre ich ihn schon sagen: „Du hast doch genug zum Anziehen, Gertrud. Sei froh, dass wir nicht arm sind und uns einiges leisten können“. Von wegen „leisten“, nicht eine Mark wird er herausrücken, der alte Knauserkopp. Ach, ich hätte so gerne den blauen Rock! Ich würde ihn dann zum nächsten Damenkränzchen bei Martha anziehen. Alle würden mich beneiden, weil er so elegant aussieht.
Ob der Herr neben mir wohl großzügiger ist? Bestimmt kauft er seiner Gattin etwas Schönes. Er schaut so interessiert zu den Auslagen.
Ich werde Karl trotzdem fragen und solange betteln und heulen, bis er nachgibt. Dann muss mich Wilhelm eben wieder hierherfahren.
Gerade geht hinter mir eine Frau her, bleibt stehen und betrachtet die Hüte im anderen Schaufenster. Einen Hut brauche ich nicht, davon habe ich genügend.
Ich flaniere gleich weiter, es kommen ja noch einige Geschäfte und Cafes. Bis Wilhelm mich wieder abholt, habe ich ausreichend Zeit.
Es sieht hier in der Stadt mit den Geschäften so edel und schön aus. Wenn dies doch fotografiert oder gemalt werden könnte!“
Gertrud ahnt nicht, dass sich hinter einer großen Säule verborgen ein junger Mann befindet, der diese Szene mit einigen Strichen skizziert und später in seinem ihm eigenen Stil mit leuchtenden Farben malen wird.

Christa Borowski-Schmitt, Dezember 2021