online am 27. Februar 2019

Der Sport

Mein Vater und mein Bruder waren leidenschaftliche Fußballfans. Dies haben sie an mich weitergegeben. Im Kindesalter spielte ich ständig mit den Jungs aus der Nachbarschaft Fußball. Da ich gut spielte, störte es nicht, dass ich ein Mädchen war. Als in unserem Dorf eine Fußballdamenmannschaft gegründet wurde, war ich natürlich dabei. Leider hatten wir auf Dauer nicht genug Spielerinnen. Ich wechselte zum Volleyball. Schnell beherrschte ich das Spiel. Dann musste ich in die große, weite Welt nach Münster. Münster ist eine riesige Stadt, wenn man wie ich, von einem Dorf mit achthundert Einwohnern stammt. Das war das Ende für den Volleyballsport. Ich begann zu schwimmen. Einmal pro Woche besuchte ich ein Schwimmbad und strebte einen persönlichen Rekord an – 1000 Meter Brustschwimmen. Irgendwann habe ich es geschafft. Einmal pro Woche Sport war mir zu wenig. Ich begann zu joggen. In meiner Nähe gab es eine Sportanlage. Eine Runde auf der Laufbahn waren 400 Meter. Es dauerte nicht lange, dann schaffte ich eine, dann zwei, dann drei Runden usw. Ich verlegte das Laufen vom Ascheplatz auf die Straße. Täglich lief ich am Abend 30 Minuten quer durch mein Wohngebiet. Kälte oder Regen waren für mich kein Hinderungsgrund, gelaufen wurde immer.

Stopp, Fortsetzung folgt! Kein Sport mehr für eine Weile, viel zu viele andere Dinge sind wichtiger. Bald geht es wieder los!

Stopp, aus und vorbei! Für immer vorbei! Die MS hat sich breit gemacht – kein schwimmen, kein joggen, schlimmer noch, kein stehen und gehen.

Stopp, jetzt erst recht! Sport im Rollstuhl!
Ziel: keine weitere körperliche Verschlechterung.

Krankengymnastik und Ergotherapie hat mir mein Neurologe verordnet. Für meinen kranken Körper ist die Anzahl der verschriebenen Anwendungen nicht ausreichend. Ich erstelle mir ein zusätzliches Trainingsprogramm. Glücklicherweise habe ich einen Rollstuhl mit Stehfunktion. Mehrmals am Tag fünf bis zehn Minuten stehen, abends die Beine mit einem Bewegungstrainer durchbewegen.
Einige Übungen integriere ich in meinen Tagesablauf. Die Arbeit am Computer ist ideal für Fingerübungen. Trinken ohne Strohhalm: Ich verwende zum Trinken eine leichte Tasse und benutze einen Strohhalm nur im Notfall – das jeden Tag aufs Neue, solange bis es klappt. Es funktioniert wieder – trinken ohne Strohhalm, direkt aus der Tasse oder aus einem Glas. Ich hatte vergessen, dass das viel besser schmeckt.

Ziel erreicht: Seit langer Zeit habe ich keine körperlichen Verschlechterungen, eher leichte Verbesserungen.

Maria Eifrig, Mai 2017 

 


online am 02. Februar 2019

Rolli-Joggen – Teil 6

Geschafft! Rolli-Joggen gehört zu meinem Tagesablauf. Aufstehen, Zähne putzen, Katzen füttern, Rolli-Joggen.

Im Augenblick wird Rolli-Joggen zu einer eisigen  Herausforderung. Es ist Ende Februar, eine sibirische Kältewelle überrollt Deutschland, Europa. Heute hatten wir morgens -7°C, am Nachmittag wechselte die Temperaturanzeige zwischen -5°C und -6°C. Den kräftig wehenden Nordostwind mit Windstärke 3-4 darf ich nicht vergessen. Die gefühlte Temperatur soll in Münster bis zu -16°C betragen.

Wer denkt, ich traue mich nicht nach draußen, der irrt sich. Auch jemand mit MS besitzt Charakterstärke. Ich mummele mich ein – Mütze, Schal, Handschuhe, Gesicht eincremen nicht vergessen und los geht’s. Es ist eine große, eiskalte Herausforderung. Mein übliches Sportprogramm entfällt heute. Ich konzentriere mich auf meine Strecke und genieße die Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht. Wie üblich sind Hundehalter unterwegs. Einige davon treffe ich fast täglich. Was mich positiv stimmt, ist der morgendliche Gruß, wenn man sich begegnet. Alle sind wie ich gut eingemummelt, nur die Tiere müssen mit ihrem Winterfell auskommen.

Es ist kaum zu glauben, aber ich schaffe meine tägliche Runde. Überglücklich komme ich zu Hause an. Ich bin durchgefroren, meine rechte Hand ist trotz Handschuh am meisten betroffen. Vermutlich ist die Kälte des  Steuerelements in den rechten Handschuh gekrochen. In der wohligen Heizungswärme, mit einem Pott Kaffee,  taue ich schnell wieder auf.

Ich bin stolz auf mich! Weder der Rollstuhl, noch die MS haben Rolli-Joggen bei eisiger Kälte verhindert. Meine Krankengymnastin hat mir empfohlen Rolli-Joggen auch in den Wintermonaten durchzuführen, da ein Ausflug an  frischer Luft das Immunsystem stärkt. Das stimmt! ich fühle mich gesund, wenn ich die MS wegdenke.

Ich bin stolz auf mich, denn ich bin ehrlich. An den folgenden 2 Tagen lasse ich Rolli-Joggen ausfallen. Die Kälte nimmt zu, aus -7°C werden -9°C, der Wind weht mit Windstärke 5 und meine Charakterstärke sagt mir, „tu Dir das nicht an.“

Es lebe der Sport! Es lebe der ehrliche Grund, der ihn ausfallen lässt!

Maria Eifrig, Februar 2018

 


online am 12. Januar 2019

Silvester

Gut das Weihnachten vorbei ist. Eigentlich wollte ich ein paar Tage zur Ruhe kommen, aber mein Job und die Weihnachtsvorbereitungen haben mir nur Stress und Hektik beschert. Silvester soll ruhiger und entspannter werden. Ich bin selber schuld, dass es nicht so wird. Alle wollen eine Fete machen mit leckerem Essen, guten Getränken, Bleigießen, Raketen, …
Es fehlen nur Ort und Organisator. Wie gut das es mich und unser Haus gibt.
Die Planung steht. Das Menü, die Getränke und der Vergnügungsplan bis zum Jahreswechsel sind besprochen. Silvester kann kommen.
Da ich täglich ca. 10 Stunden arbeite und es gewohnt bin mich gut zu organisieren, funktioniert alles perfekt. Haltbare Lebensmittel und Getränke werden früher eingekauft. Die benötigten frischen Dinge für Silvester vorbestellt.
Wir haben Silvester. Ab 8:00 Uhr bin ich unterwegs. Die Vorbestellungen vom Bäcker und Fleischer müssen abgeholt werden. Die Einkaufsschlangen vor den Kassen sind riesig. Alles dauert doppelt so lange wie sonst. Um 10:00 Uhr bin ich wieder zu Hause, genieße in Ruhe ein belegtes Brötchen und eine Tasse Kaffee.
Die häuslichen Vorbereitungen beginnen. Besteck, Porzellan und Gläser, die selten verwendet werden, müssen gespült werden. Dann muss ich mich um das Essen kümmern – Salat putzen, Fleisch schneiden, Soßen machen usw. alles, was für ein deftiges Fondue benötigt wird. Um 16:00 Uhr brauche ich dringend eine Pause. Kaffee und was Essbares machen mich wieder fit.
Um 18:00 Uhr kommen die ersten Helfer. Unser Wohnzimmer wird komplett umgeräumt. Tische und Stühle werden zu einer festlichen Tafel hergerichtet. Langsam trudeln alle Gäste ein. Mit dem mittlerweile traditionellen Sketch „Dinner for One“  beginnt die Fete.
Es wird ein langer, lustiger Abend. Besonders unser gewaltiges Feuerwerk ist mir in Erinnerung geblieben.
Einige Gäste verlassen erst in den frühen Morgenstunden unser Haus. Ein wenig Energie bleibt mir um das schlimmste Chaos zu beseitigen, dann falle ich tot müde ins Bett.
Prosit Neujahr!

Silvester heute ist nicht zu vergleichen. Mein Mann muss planen, einkaufen und alles vorbereiten. Ich ärgere mich über mich selbst, weil ich nur Zuschauer bin. Die Gäste bleiben aus, sind verhindert oder kennen den Weg nicht mehr. Wir machen es uns gemütlich bei leckerem Essen und gutem Wein. Manchmal leistet uns eine Freundin Gesellschaft. Um Mitternacht gehen wir nach draußen, bewundern die prächtigen Raketen am Himmel, treffen auf Nachbarn und stoßen mit einem Glas Sekt auf ein gesundes, neues Jahr an.
Prosit Neujahr!

Maria Eifrig, November 2016

 


online am 19. Dezember 2018

Weiße Weihnacht

Es ist Weihnachten und leise rieselt der Schnee,

nein, doch nicht. Er hat uns verlassen der Weihnachtsschnee. Der Blick aufs Thermometer zeigt 13°C. Kein Wunder, wie soll bei diesen Temperaturen Schnee fallen, vielleicht nächstes Jahr wieder. Das sage ich mir seit sechs Jahren und jedes Jahr das Selbe, kein Schnee, weil es viel zu warm ist. Auf einmal wird mir bewusst, was passiert ist: Der Weihnachtsschnee steckt im Fernseher fest. Immer, wenn ich an Weihnachten den Fernseher einschaltete, sehe ich den Weihnachtsmann und Rudi, das Rentier, wie sie mit ihrem Schlitten im Schnee unterwegs sind. Ich springe in den Fernseher und  da ist sie, die weiße Weihnacht.

Maria Eifrig, Dezember 2016