online am 13. Dezember 2017

Vater Baum

Als ich noch Kind war, gab es in der Nähe unseres Hauses, am Anfang eines großen Waldgebietes, einen uralten, riesigen Baum, eine Ulme. Ein Blitzschlag hatte den Baum dereinst verkrüppelt, aber trotzig breitete er sein Blätterdach über den Waldboden. Gerne ging ich zu ihm und erzählte ihm, was ich den Tag über gemacht hatte. Da ich keine Geschwister hatte, wurde er allmählich so etwas, wie mein großer Bruder. Doch eines Tages vernahm ich, versteckt im Rauschen der Blätter, eine Stimme. Zuerst verwaschen und undeutlich, aber meine jungen Ohren gewöhnten sich rasch an seinen Klang. Kein Zweifel, es waren Worte:
„Kind, ich spüre, dass du mich magst und mir vertraust. Das tun nicht mehr viele von euch Zweibeinern. Nun ist es an der Zeit, dir drei Wünsche zu erfüllen. Aber nicht jetzt, überlege lange und komme wieder, wenn du dir sicher bist. Wir Bäume haben Zeit, viel Zeit…“
Ich wollte noch etwas sagen, aber ich merkte, dass die Stimme sich wieder in das Rauschen von Blättern und Wind verloren hatte.
Ich dachte viel nach, sehr viel und oft auch in seinem Schatten. Will ich Spielzeug, will ich was zu naschen oder will ich schnell wachsen? Ich blickte zu ihm auf und sah seine angekokelte Borke und seinen krummen Wuchs. Er ist bestimmt alt, dachte ich, er weiß bestimmt viel über das Leben. Und er steht auf seinen Wurzeln, obwohl er doch verwundet ist. Und er scheint freundlich zu sein, obwohl ihn nicht viele mögen. Vielleicht sagt er es mir oder besser: ich wünsche mir, so wie er zu werden.
Eines Tages flüsterte ich dem Baum meine Wünsche in die Rinde und ich vernahm ein Brummen und Knarren und bald darauf seine vertraute raschelnde Stimme:
„Deine Wünsche sind sehr klug und ich freue mich, sie dir zu erfüllen. Aber du musst dir ein wenig Zeit nehmen.“
Und so geschah es: er lehrte mich zu sehen, er lehrte mich zu stehen und er lehrte mich zu gehen.

Viele Jahre später kam ich als verliebter, junger Mann mit ihr zu ihm zurück und wir fanden ein Messer vor dem Baum auf dem Boden liegend und wir ritzten ein Herz und unsere, zwei Namen in sein Holz und ich hörte sein freudiges Brummen.
Das ist nun schon lange her und mein Vater, der Baum ist vor kurzem gefällt worden. Doch ich bin mir sicher, er wird irgendwann aus einem Möbelstück zu mir sprechen.

Marius Schmieda